Falsche Berechnungsgrundlage

Deutschland verursacht europaweit am meisten Emissionen

17.10.2023, 11:20 (CEST)

Der Klimawandel erregt die Gemüter. Oft zu hören: Der menschliche Beitrag an den CO2-Emissionen sei irrelevant.

Was für die einen längst überfällig Maßnahmen gegen die Erderwärmung sind, nennen andere «Klimawahnsinn»: Aktuell ist in den sozialen Netzwerken ein Video zu sehen, in dem der fraktionslose Bundestagsabgeordnete Robert Farle behauptet, der Anteil an Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Luft betrage nur 0,04 Prozent. Davon produziere die Natur selbst 96 Prozent, der Mensch verursache nur 4 Prozent. Außerdem trage Deutschland nur zu 0,000028 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Aber stimmt das wirklich? 

Bewertung

Es ist zwar richtig, dass der Kohlenstoffdioxid-Anteil in der Luft nur 0,04 Prozent beträgt. Trotzdem ist das Gas der größte Faktor im Klimawandel. Denn während die Natur das selbst produzierte CO2 wieder vollständig absorbiert, sind die menschengemachten Emissionen eine zusätzliche Belastung. Deutschlands Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen beträgt außerdem 1,8 Prozent.

Fakten

Der Ausschnitt stammt aus einer Rede (Download, S.138) Farles am 27. April 2023 im Bundestag. Dort trägt er folgende Rechnung vor: «78 Prozent unserer Luft ist Stickstoff, 21 Prozent Sauerstoff, 1 Prozent sind Edelgase und Spurengase wie Kohlendioxid. Der CO2-Anteil beträgt 0,04 Prozent. Vom jährlichen CO2-Ausstoß produziert die Natur selbst 96 Prozent und lediglich 4 Prozent sind menschengemacht. 4 Prozent von 0,04 ergeben 0,0016 Prozent menschengemachtes CO2. Der Anteil Deutschlands daran ist 1,76 Prozent. Deutschland beeinflusst vom weltweiten CO2-Anteil in der Luft 0,000028 Prozent.»

Die Luft, die uns umgibt

Die Atmosphäre setzt sich in der Tat zu den genannten Anteilen aus Stickstoff, Sauerstoff sowie Edel- und Spurengasen zusammen. Der Kohlenstoffdioxidgehalt in der Luft beträgt dabei laut aktuellen Messungen der US-Wetterbehörde NOAA etwas mehr als 418 ppm (parts per million), was umgerechnet etwa 0,04 Prozent entspricht.

Allerdings sagt der geringe Prozentsatz nichts über seine Wirkmacht aus. Denn zum einen ist dieser Wert Experten zufolge der höchste seit mindestens zwei Millionen Jahren (Download, S.6). Zum anderen ist der Anstieg der globalen Erwärmung laut Treibhausgasindex der NOAA zu rund 80 Prozent auf CO2 zurückzuführen, was das Gas zum größten Antriebsfaktor im Klimawandel macht.

Dass der Mensch dafür verantwortlich ist, liegt schon deshalb nahe, weil rund 40 Prozent der gesamten CO2-Emissionen zwischen 1850 und 2019 allein in den letzten 30 Jahren dieses Zeitraums entstanden (Download, S.8) sind.

Der Kohlenstoffkreislauf in der Natur

Kohlenstoffdioxid ist wichtig für das Leben auf unserer Erde und kommt dementsprechend auch in der Natur vor. Landflächen und Ozeane geben jedes Jahr rund 210 Gigatonnen Kohlenstoff (C) ab, was umgerechnet rund 770 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid entspricht. Der CO2-Ausstoß aufgrund von fossilen Brennstoffen betrug 2021 weltweit knapp 37 Milliarden Tonnen (Download, S.5), was einen Anteil von etwa 4,5 Prozent bedeutet.

Allerdings ist die Rechnung unvollständig. Denn dank des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs unserer Erde wird der CO2-Ausstoß der Natur auch wieder vollständig von ihr absorbiert. Marie-Luise Beck, Geschäftsführerin des Deutschen Klima-Konsortiums, erklärte der dpa auf Anfrage: «Die Einlagerungsprozesse von CO2, zum Beispiel durch das Wachsen eines Baumes oder das Verwittern von Gestein, hielten sich in der Vergangenheit mit den Abgabeprozessen, wie durch das Verrotten eines Baumes oder das Atmen der Pflanzen- und Tierwelt, die Waage.»

In dieses Gleichgewicht habe der Mensch nun eingegriffen, indem er Kohlenstoffreservoire wie Kohle, Öl oder Gas, die vor Jahrmillionen dort abgespeichert wurden, hervorgeholt und verbrannt habe, führte sie weiter aus. Zwar nimmt die Natur sogar mehr Kohlenstoffdioxid auf, als sie ursprünglich selbst produziert hat, dient also als sogenannte CO2-Senke. Doch es werden eben nicht alle zusätzlich verursachten Emissionen kompensiert.

Bereits jetzt zeigt sich, dass die natürlichen CO2-Senken weniger Kohlenstoffdioxid aufnehmen als noch vor 60 Jahren. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Absorptionsprozesse bei weiter steigenden CO2-Emissionen künftig stetig verlangsamen werden (Download, S.27). In der Folge verbleibt also mehr Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre und heizt sie weiter auf.

CO2-Emissionen in Deutschland

Das berichtet auch Marie-Luise Beck vom Klima-Konsortium: «Weil das CO2 zu etwa der Hälfte quasi-ewig in der Atmosphäre verbleibt, haben wir es auch heute noch mit dem CO2 unserer Ururgroßeltern zu tun.» Die Wissenschaft bezeichne das als den kumulativen – also sich anhäufenden – Effekt von Kohlenstoffdioxid.

Und so ist auch die abschließende Rechnung im Redebeitrag des Abgeordneten irreführend. Denn während vor der Industriellen Revolution die CO2-Konzentration in der Atmosphäre noch bei 280 ppm lag, ist sie nun eben auf rund 420 ppm angestiegen. Das sei ein Plus von etwas mehr als 50 Prozent, erklärte die Geschäftsführerin des Klima-Konsortiums gegenüber der dpa. Der Einfluss des Menschen auf den CO2-Anteil in der Luft liegt demzufolge also weit höher als nur bei 0,0016 Prozent.

Auch hierzulande sind die CO2-Emissionen nicht so gering, wie in der Bundestagsrede angeführt: 2022 lagen sie laut Umweltbundesamt bei 666 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid. Gemessen an den weltweit insgesamt 37 Milliarden Tonnen CO2, die durch den Mensch verursacht wurden, ergibt das einen Wert von 1,8 Prozent – also in etwa deckungsgleich mit der vorgelegten Rechnung.

Allerdings ist das gar nicht so wenig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, stellt auch Marie-Luise Beck klar: «In unserem Land lebt gerade einmal 1 Prozent der Weltbevölkerung.» So klein ist die Rolle also eben nicht: Europaweit verursachen wir hierzulande am meisten Treibhausgas-Emissionen und hinsichtlich Kohlenstoffdioxid belegte Deutschland 2021 trotz gering erscheinender 1,8 Prozent Anteil im weltweiten Vergleich Platz 7.

(Stand: 16.10.2023)

Links

Facebook-Video (archiviert)

Protokoll zur Bundestagssitzung am 27. April 2023 (Download) (archiviert)

Zusammensetzung der Atmosphäre (archiviert)

Aktuelle CO2-Konzentration laut NOAA (archiviert)

Synthesebericht des IPCC (Download) (archiviert)

Jährlicher Treibhausgasindex der NOAA (archiviert)

Grafik zu CO2-Ausstoß der Natur (archiviert)

Weltweiter fossiler CO2-Ausstoß 2022 (Download) (archiviert)

Zum Kohlenstoffkreislauf (archiviert)

Zu Kapazitäten von CO2-Senken (archiviert)

IPCC zu Speicherkapazitäten der Natur (Download) (archiviert)

Vorindustrielle CO2-Konzentration (archiviert)

CO2-Emissionen in Deutschland 2022 (archiviert)

Treibhausgasemissionen im europäischen Vergleich (archiviert)

Weltweite CO-Emissionen (archiviert)

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